Über Gegenwärtiges in der Antike (- in der Art eines Nekrologs -) (1994)

Über Gegenwärtiges in der Antike

("Ti paapu schi itsji - dieser See ist wie mein Herz")

(- in der Art eines Nekrologs -)


Wenn Schatten grauer Vorzeit sich vor Dir
Mit einemmal und völlig unerwartet lösen,
Heraus aus kalter, feuchter Nächte dunklem Bann,
Dann rufst du laut den Grauen zu: "Und wann,
Ihr Götter, gingt Ihr hin und ließt dem Bösen
Freie Bahn?! - Bedachtet Ihr der Menschen Gier?!"

Und schallt dir dann in geisterhafter, nebenschwang'rer Atmosphäre
Des Sophokles so raue doch bedeutungsschwere Stimme;
Siehst Du's, wie er den Reigen jener Alten, Wohlbekannten webt,
Die ebenso die hohe Kunst des Euripid' so ordentlich belebt,
Dann fühlst du jedenfalls ein Stück in jenem heil'gen Sinne,
Dann hebt die alte Tradition Dich in die gold'ne Ehre.

Ich sah Dich stehen, wandeln, in der Troerinnen ärmlichen Gewand,
So herrlich, prächtig, königlich, doch - anmutsvoll;
Das Auge strahlend und die Gestik voller wilder Kraft;
Scheinbar unbändig roh, und doch, so wie des Lebens roter Saft,
Geheimnisvoll und ohne jede Möglichkeit für Dich den Zoll
An einen Gott zu zahlen. Komm! - Reiche mir die Hand!!

Und ach, die Rolle, die man Dir in diesem Stücke übertrug,
War gar zu klein für jenes Feuer, das sich lodernd in Dir hebt,
Für jene ungebändigt' Jugendkraft und makellose Schönheit,
Die, gleichsam einem Mustang über Steppen fliehend, hoch und weit,
Hinaus muss in das Leben. Die's fügt, dass diese Welt erbebt,
Und sich dann endlich von der Erde löst - und ... hoch hinauf zum Flug!!

Doch halt!! - Noch halten Dich mit Macht die Fesseln jener alten Mythen,
Noch stehst Du im Gewand der Trümmerfrauen Trojas und der Schatten,
Die jener Krieg zum Hades schickte in des Pluto's Reich,
So zeige Ihnen, dass die Frauen nicht nur zart und weich,
Auch gleichsam hart und grausam sind, wie manche Männer, wie die Gatten,
Für die die armen Weiber nun so elendig vollziehn die alten Todesrithen.

Wenn dann die Schatten klagend aus den Gräbern sich erheben,
Die Schatten jener Alten, jener Frauen, jener Kinder - und
Ihr Blut, das ohne alle Gegenwehr vergossen war,
Nach Rache, nach Vergeltung schreit, von weiter Ferne und von nah -
Dann tröste sie! - Besänft'ge sie! - Male alle grauen Schatten bunt!
Dann wird ein solch' Verbrechen gegen alle Werte, sich von ganz alleine geben.

Doch mit Bedacht! - Rechtfert'ge damit nicht den ungeheuerlichen Tatsbestand.
Doch ist's ein Wahres, dass sich Gut und Böse gegenseitig nur bedingen,
Dass das Eine nie und nimmer ohne jenes And're kann,
Und nur wenn sich ein Wettstreit zwischen Beiden dann und wann
Entlädt entsteht Geschichte; kann der Mensch die Fähigkeit erringen
Und die Weisheit, jenen Unterschied zu sehen - auch über ihren Rand.

Und doch ... - so lang und hart der hohe Weg sich eben vorwärts drängt,
Wenn auch Erynnien giftig, zeternd, nagend, sich auf deine Fährte setzen,
Wenn auch das Schicksal nun mit mächt'ger Faust
Und ungebändigt roh in deinem Leben noch so haust,
Wie einst Orest - dann höre auf, Dein Schwert zu wetzen,
Mach diesem ewig gleichen Kampf ein Ende, so, als hättest du Gedanken abgehängt.

Und breitet sich in dir dann endlich, die Seelenruhe langsam aus,
Dann nimm sie an, empfange sie, umarme sie von ganzem Herzen,
Entflieh' der alten Zeit, entbehr' der alten scheinbar unverstand'nen Götterwelt,
Denn diese existiert von jeher nur in uns'rem Herzen, da sind dann wir der Held!
Siehst du dies ein, hast Du dies endlich dann begriffen, fallen alle Schmerzen
Von Dir ab und lassen dich dann endlich zieh'n - in Deines eig'nen Friedens Haus.



(entstanden im November/Dezember 1994)

Hier der Text zum Hören:

Kommentare